Ohne Video-Interview: Steigen die HSG-Punktgrenzen 2027?

Was der Interviewwegfall für HSG-Punktgrenzen bedeuten kann: Skalen, Rangpositionen, drei Szenarien und Grenzen von Forenmeldungen.

HSG Wissen

Wenn ein Teil des Auswahlverfahrens entfällt, scheint die Schlussfolgerung nahezuliegen: Dann müssen die Punkte im verbleibenden Test wichtiger werden, also steigt die Zulassungsgrenze. Der erste Gedanke kann zutreffen, ohne dass der zweite folgt. Eine größere Bedeutung des Testergebnisses sagt noch nichts darüber aus, welche Punktzahl am Ende für eine Zulassung reicht.

Für 2027 ist deshalb die entscheidende Frage: Welche Leistungen werden nach welchen Regeln mit welchen anderen Leistungen verglichen? Wer diese Zusammenhänge auseinanderhält, kann Prognosen besser beurteilen und die eigene Vorbereitung vernünftig ausrichten.

Was aktuell feststeht – und was offenbleibt

Die Universität St.Gallen erklärt auf ihrer offiziellen Informationsseite, dass derzeit kein Video-Interview durchgeführt wird. Sie nennt außerdem die gesetzliche Begrenzung der Studienplätze für ausländische Bewerbende und die Zulassung der Bewerbenden mit den besten Bewertungen.

Auf dieser Seite ist mit Stand vom 25. Oktober 2026 keine konkrete Punktgrenze für 2027 angegeben. Auch die Bewerberzahl, eine konkrete Platzzahl oder eine neue Punkteskalierung lassen sich ihr nicht entnehmen. Damit fehlen wesentliche Größen für eine belastbare Zahlenprognose. Daraus folgt nicht, dass sämtliche Einzelheiten grundsätzlich unveröffentlicht bleiben; für eine Prognose müssen sie aber tatsächlich vorliegen.

Die Verfahrensänderung ordnet der Beitrag zum HSG-Auswahlverfahren 2027 ohne Video-Interview ein. Hier geht es um die Folgen für die Interpretation von Ergebnissen.

Drei Größen, die man unterscheiden muss

Rohpunkte: Was wurde unmittelbar bewertet?

Rohpunkte entstehen nach den Bewertungsregeln eines Tests, etwa durch die Bewertung einzelner Aufgaben. Ohne Kenntnis dieser Regeln lässt sich eine Zahl kaum einordnen. Die Anzahl richtiger Antworten muss nicht automatisch der ausgewiesenen Punktzahl entsprechen. Ob Aufgaben unterschiedlich gewichtet oder Ergebnisse weiterverarbeitet werden, muss aus den jeweiligen Informationen hervorgehen.

Auch ein Prozentwert ist nur begrenzt aussagekräftig: 80 Prozent eines leichteren Übungssatzes belegen nicht dieselbe Leistung wie 80 Prozent eines schwierigeren Satzes. Vergleichbarkeit braucht mehr als denselben Nenner.

Skalierung: Wie wird die Leistung dargestellt?

Ein Ergebnis kann auf eine andere Zahlenskala übertragen werden. Dann ändern sich die Zahlen, obwohl die zugrunde liegende Leistung gleich bleibt. Eine einheitliche, streng steigende Umrechnung erhält die Reihenfolge: Wer vorher mehr Punkte hatte, liegt auch danach vorne.

Deshalb ist eine höhere ausgewiesene Grenze nicht automatisch eine höhere fachliche Hürde. Bei unterschiedlichen Skalen können sogar die Wörter „gestiegen“ und „gesunken“ in die Irre führen. Ein Vergleich über mehrere Jahre braucht dokumentierte Bewertungsregeln oder eine nachvollziehbare Umrechnung.

Rangposition: Wie liegt die Leistung im Bewerberfeld?

Bei einer Auswahl nach den besten Bewertungen zählt die Position gegenüber den anderen Teilnehmenden. Eine bestimmte Leistung kann in einem Jahr weit vorne und in einem anderen näher an der Auswahlgrenze liegen. Die entscheidende Vergleichsgröße ist das relevante Bewerberfeld, nicht der Durchschnitt eines Vorbereitungskurses oder einer Forenumfrage.

Eine im Nachhinein beobachtete Punktgrenze ist daher etwas anderes als eine im Voraus garantierte Mindestanforderung. Einzelheiten wie die Behandlung gleicher Ergebnisse dürfen ohne offizielle Grundlage nicht aus allgemeinen Rangmodellen abgeleitet werden.

Eine Mini-Rechnung: Höhere Zahlen, gleiche Auswahl

Das folgende Beispiel ist vollständig frei erfunden. Es beschreibt weder das HSG-Verfahren noch eine Prognose für 2027. Zur Vereinfachung gibt es keine Punktgleichheit und keine weiteren Auswahlkriterien.

Fünf Personen erreichen 90, 84, 79, 75 und 68 Modellpunkte. Drei Plätze werden nach der Reihenfolge vergeben. Die letzte ausgewählte Person hat 79 Punkte; das ist in diesem Modell die Grenze.

Nun wird jedes Ergebnis nach der Regel „doppelte Punktzahl plus zehn“ dargestellt:

Die ausgewiesene Grenze liegt jetzt bei 168 statt 79. Trotzdem erhalten dieselben drei Personen einen Platz. Der Zahlenanstieg entsteht allein durch die Darstellung.

Ein zweiter Eingriff zeigt den Einfluss der Konkurrenz: Kommt zur ursprünglichen Gruppe eine weitere Person mit 86 Modellpunkten hinzu, liegen bei weiterhin drei Plätzen nun 90, 86 und 84 vorne. Die Grenze steigt auf 84. Kommt stattdessen jemand mit 60 Punkten hinzu, bleibt sie bei 79. Mehr Teilnehmende allein erzwingen also keinen Anstieg; ihre Leistungen relativ zum bisherigen Grenzbereich sind entscheidend.

Warum der Interviewwegfall keine steigende Grenze erzwingt

Wenn eine bisher berücksichtigte Komponente entfällt, kann sich die Rangfolge ändern. Personen mit starken Testergebnissen können gegenüber Personen aufrücken, die besonders von der anderen Komponente profitiert hätten. Welche Richtung eine daraus entstehende Testpunktgrenze nimmt, hängt unter anderem davon ab, wie beide Leistungen zusammenhängen und wie sie zuvor gewichtet wurden.

Eine stärkere Konkurrenz wäre denkbar, wenn mehr leistungsstarke Personen teilnehmen. Dass ein Verfahren ohne Interview für manche attraktiver erscheint, ist dafür höchstens eine mögliche Erklärung. Daraus lässt sich weder eine größere Bewerberzahl noch ein stärkeres tatsächliches Teilnehmerfeld ableiten. Interesse, Anmeldung und erfolgreiche Testteilnahme sind verschiedene Größen.

Auch „Alle konzentrieren sich jetzt stärker auf den Test“ ist eine Hypothese. Wie viele Menschen ihre Vorbereitung tatsächlich verändern und welchen Effekt das hat, wäre erst zu untersuchen.

Drei Szenarien für 2027

Die folgenden Szenarien setzen eine vergleichbare Punkteskala voraus. Sie bilden einen qualitativen Orientierungsrahmen, kein berechnetes Prognosefenster.

Keinem dieser Szenarien lässt sich mit den genannten Informationen eine seriöse Wahrscheinlichkeit zuordnen. Besonders bei veränderter Testschwierigkeit bleibt zudem offen, ob eine niedrigere Zahl überhaupt eine geringere Leistungsanforderung bedeutet.

Was Forenmeldungen leisten können

Ein Forum kann Erfahrungen sichtbar machen. Eine freiwillige Sammlung bildet aber nicht automatisch das gesamte Bewerberfeld ab. Menschen mit überraschenden Ergebnissen, besonders intensiver Vorbereitung oder starkem Mitteilungsbedürfnis können häufiger berichten. Andere lesen nur mit. Unvollständige Meldungen und doppelte Einträge können das Bild zusätzlich verschieben.

Die niedrigste gemeldete Punktzahl einer zugelassenen Person belegt deshalb noch keine tatsächliche Untergrenze. Es könnte weitere Zulassungen mit niedrigeren Ergebnissen geben, die niemand gemeldet hat. Auch zwei scheinbar widersprüchliche Berichte müssen zunächst auf Vergleichbarkeit geprüft werden.

Brauchbare Meldungen sollten möglichst enthalten:

Namen, Bewerbungsnummern, Zugangsdaten und andere personenbezogene Angaben sind dafür unnötig. Eine sauber beschriebene, anonymisierte Meldung ist hilfreicher als ein unkommentierter Screenshot.

Ergebnisse nutzen, ohne sich an eine Zahl zu klammern

Der Forumsrechner kann als Orientierung dienen. Seine Ausgabe sollte zusammen mit den dort erkennbaren Annahmen und Grenzen gelesen werden. Ein Rechnerergebnis ersetzt weder fehlende Vergleichsdaten noch eine offizielle Zulassungsentscheidung. Eine genaue Zahl auf dem Bildschirm ist für sich genommen kein Beleg für eine genaue Vorhersage.

Liegt ein Übungsergebnis unter einer vermuteten Grenze, lohnt sich zuerst die Prüfung der Vergleichbarkeit. Anschließend helfen konkrete Fehleranalysen: Fehlt Verständnis, geht Zeit bei bestimmten Aufgabentypen verloren oder entstehen vermeidbare Lesefehler? Ein Ergebnis oberhalb einer Schätzung ist ebenfalls kein Grund, die Vorbereitung als abgeschlossen zu betrachten. Mehrere vergleichbare Durchläufe zeigen eher, ob eine Leistung stabil ist.

Für die Vorbereitung ist daher ein breiter, verlässlich abrufbarer Leistungsstand sinnvoller als das knappe Überspringen einer spekulativen Zahl. Wie sich das praktisch organisieren lässt, behandelt der Beitrag HSG 2027: Vorbereitung planen. Eine Zulassungsgarantie entsteht daraus nicht; die eigene Leistung lässt sich jedoch gezielter verbessern als die unbekannte Konkurrenz vorhersagen.

Quelle und Stand

Universität St.Gallen: Auswahlverfahren für die Zulassung zum Bachelor-Studium, geprüft am 25.10.2026. Die Mini-Rechnung und Szenarien sind eigene analytische Erläuterungen, keine offiziellen HSG-Prognosen.